S – EINE STADT SUCHT EINEN SCHNEEBALLWERFER
Zur aktuellen Berlinale die sensationelle Entdeckung einer Zweitversion des Film-Klassikers
Fritz Langs einprägsame Parabel vom Tribunal der Rechtlosen schleicht durch den Wildpark.
Die ehrenwerte Gesellschaft mit lediglich synthetischem Dreck am Stecken nimmt es endlich in die Hand, Störenfriede auszumerzen. Ein Schneeballwurf ersetzt dabei das Kapitalverbrechen der Erstversion.
Empörung vieler Orten über ein paar junge Verursacher eines Spielabbruchs, beflügelt von der suchthaften Neigung zu Lagertheorien, die sich an Tribünen-Blöcken orientieren.
Nun ist es eben so, war so und wird immer so bleiben, dass den meisten Zuschauern eine Unterbrechung Ihres Unterhaltungsprogramms nicht schmeckt. Das war schon früher im Kino so, als noch regelmäßig Filmrollen gerissen sind.
Der Erstaunliche besteht jedoch darin, dass als störend empfundenes Verhalten überhaupt nicht mehr auf seine (Sozial-)Schädlichkeit überprüft und danach bestraft wird, sondern nach willkürlicher Einordnung gemäß der Sterilisationsprogramme DFB und DFL.
Ob mit Watte- oder Pulverschnee-Bällchen geworfen wird, soll sich im Wesen nicht von Würfen mit Flaschen, Knallkörpern oder Golfbällen unterscheiden!
Das wurde in meiner Jugend sogar von den älteren Herren auf den Fußballplätzen differenziert, die in der Bezirksliga auf der grauen Plastikrohr-Spielfeldumrandung zu finden waren, um ihre Bandscheiben ein bisschen zu entlasten. Immerhin gab es also eine, wie auch immer geartete Abwägung, bevor einem 14jährigen nicht weniger selbstherrlich an den Ohren zogen wurde oder eben nur mit strengem Blick der nächste Bier-Bringdienst als Strafe auferlegt wurde.
Zunehmend schwingt sich ein demokratisch nicht legtimierter Verband also zum gesellschaftlichen Korrektiv auf und verändert die Maßstäbe.
Erwartet irgendjemand, dass Menschen an solchen Funktionärsabsurditäten lernen wollen, Ordnungen anzunehmen?
Mindestens seit den Zeiten der Aufklärung gilt die Jugend als die Brutstätte allen Unheils, um nicht sogar auf alte Griechen zurückzugreifen. Jugendliche Grenzübertretungen sind schon immer ein wesentlicher Motor der Gesellschaft, die darüber schimpft.
Wenn die ehrenwerte Gesellschaft nun Stadionverbote fordert, beweist sie die gleiche Unfähigkeit im intelligenten Umgang mit Regeln wie S – der Schneeballwerfer, denn spätestens nach der Vorwarnung über die Stadiondurchsage hält man halt einfach die Finger still. Das sollte den Jugendlichen dann doch vom Kind unterscheiden, unabhängig vom Verhalten der Offiziellen und des Spielertyps „Schüchternes Reh“.
In Fritz Langs Paradoxon teilen das Tribunal und dessen Angeklagter das gemeinsame Problem des verhältnismäßigen Umgangs mit Regeln. Dies kann eine Gesellschaft zerreißen. Dessen sollten sich alle Beteiligten klar sein, wenn sie nicht dem Wahnsinn verfallen sind, der in Peter Lorres legendärer Darstellung der verzweifelten Verteidigung „Will nicht, muss!“ seinen Ausdruck findet.
Der Stadtjugendausschuss könnte seine Räumlichkeiten vielleicht für einen Filmabend mit der Erstversion des cineastischen Meilensteins zur Verfügung stellen. Falls Fritz Lang nicht als allzu einseitig und aufrührerisch gelten sollte, nur weil er danach das „Testament des Dr. Marbuse“ gedreht hat. Es ist historisch belegt, dass es sich dabei um keinerlei Anspielung auf das DFB-Regelwerk handelt.
Gute Besserung, großes deutsches Kino!