WIE SICH ZWEI HALBZEITEN UNTERSCHEIDEN KÖNNEN
Ein denkwürdiges Wochenende mit der zweiten Halbzeit der diesjährigen MGV, sowie zwei Halbzeiten des KSC gegen Union Berlin zeigte überraschende Parallelen zwischen der politischen und der sportlichen Spielvariante des Karlsruher Sport-Club Mühlburg-Phönix e.V..
Die jeweiligen Hälften unterschieden sich deutlich.
Die ersten Hälften waren lebendiger, am Ende der zweiten Hälfte standen gute Ergebnisse und zählbare Erfolge.
Das Spiel in der Badnerlandhalle:
Nach einem gelungenen Intro des Mannschaftskapitäns mit kräftigem Anheizen durch Neuigkeiten zu Spielerverpflichtungen und Kölmel-Millionen kam es zu bemühtem Spielaufbau am Rednerpult in alphabetischer Reihenfolge der Neuverpflichtungskandidaten und Rückkehrer.
Im Aufbau zeigte sich Arno Glesius etwas statisch und man erkannte eine gewisse Nervosität in der ungewohnten Rolle des Libero. Gut, irgendjemand muss das Spiel ja eröffnen und wenn die Laufwege ungeübt sind, gelingt nicht jede Formulierung. So wurden zunächst ein paar sichere Pässe zur eigenen Vita verteilt. Grundsolide Kombinationen zur Jugendarbeit brachten mehr Sicherheit als es ein hoch vorne rein gedroschener Ball bewirkt hätte. Doch dann, der überraschende Pass in die Tiefe der KSC-Historie: der Rundbau wird renoviert! Dies kommt dem Spieler zwar auch figürlich entgegen, ist aber eher seinem bodenständigen Gefühl für machbare, effektive Schritte geschuldet. Hier zeigte sich, was die Zuschauer am meisten schätzen: Zählbares!
Sympathisch, die Aussage des Spielers, diesen Assist auch ohne Stammplatzgarantie leisten zu wollen.
Nun übernahm der erfahrene Rolf Hauer, die Rolle des 10ers. Man merkte ihm seine Erfahrung an, vor vollen Rängen zu agieren, wobei das Karlsruher Publikum bei rhetorischen Leistungen nicht zu den verwöhntesten gehört und daher bereits für vollständige Haupt- und Nebensatz-Konstruktionen sowie beherzte Abschlüsse in der richtigen Verbform ehrliche Dankbarkeit zeigt. So beließ es der Routinier auch beim bewährten Standard und versuchte nicht, durch besondere Kabinettstückchen aufzufallen.
Der junge Verteidigungsspezialist Uli Jäck übernahm das Anspiel entsprechend, verfiel aber schnell in ungenaue Wildpark-Erlebnis-Flanken und Dribblings durch das Thema Sicherheit ohne klare Richtung. Um so überraschender war der plötzliche Fallrückzieher abseits jeglicher Ballnähe, der als ordentlicher Tritt in die Luft endete. Das Anspiel des Kapitäns sei seiner Ansicht nach nicht exakt genug gewesen, gab der Spieler dazu leicht schmollend zu Protokoll.
Vorsichtiger Applaus aus dem L(udwigs)-Block der Luftloch-Freunde erklärte teilweise diese Aktion für die Galerie. Der Rest fragte sich, warum er denn in dieser Mannschaft anheuern will.
Dem scheidenden Kapitän des Raasensports boten sich jedenfalls keine Anspielstationen, so dass er kurz vor der Wahlkabine abbog und das Spielfeld verließ. Seine gutgelaunte Miene sowie sein leicht federnder Schritt verrieten dabei, dass er sich ohne die Bürde der Kapitänsbinde sehr wohl fühlt. Es sei ihm gegönnt.
Die anschließende Abstimmung gab der Erfahrung und dem Zählbaren den Vorzug vor allzu viel Show für wenige Ultras(cheinheilige). Verständlich und ein wenig glücklich.
Als es bereits nach einer durchschnittlichen Zweitliga-Begegnung unter dem Flutlicht der Badnerlandhalle aussah, brachte in der Nachspielzeit die überraschende Einwechslung von Michael Kölmel Bewegung ins Spiel. In der unnachahmlichen Art, mit der er bereits im Jahre 2000 den endgültigen Abstieg des Vereins verhinderte, zeigte er ein Solo wie es technisch nicht alle Tage in Karlsruhe zu vernehmen ist. Einmalig in der Bundesligageschichte dürfte sein, dass ein Spieler, der sich bisweilen als Zocker geriert, während seines Vorstoßes den Szenenapplaus von den Rängen mit der Bitte unterbindet, doch erst mal abzuwarten, ob ihm auch ein ansehnlicher Torabschluss gelingt.
Dieser sanfte Hasardeur, der damals ein Handgeld von 7.669.378,22 € für einen lebenslangen Stammplatz selbst einbrachte, scheint seine Ablöse bis 2019 auf mindestens 13,6 Mio. € festschreiben zu wollen. Ohne Berücksichtigung bisheriger und künftiger Zahlungshöhen und –zeitpunkte entspräche dies einer Rendite von 3,06 %, was sicher auch durch weniger verletzungsanfällige Spielzüge möglich gewesen wäre.
Genaueres wird jedoch erst das Studium der Hintertorkamera sowie der Linienrichter ergeben.
Fürs Erste ist es schon erstaunlich wie weit der neue Kapitän in kürzester Zeit diesen ebenso wertvollen wie teilweise undurchsichtigen Akteur in seiner Spielkultur voran gebracht hat.
Die vorzeitige Auswechslung in 2019 gibt den Verantwortlichen jedenfalls erstmals einen sicheren Planungshorizont.
Die Zuschauer zeigten anschließend nicht nur Sachverstand, sondern auch in dieser Branche selten gewordene Kaufmannsehre, als es die Worte des Spielführers, dass Verträge selbstverständlich grundsätzlich einzuhalten sind, mit Applaus bedachte. Nicht nur angesichts der heterogenen Zusammensetzung der Kurven eine Auszeichnung für das Karlsruher Publikum und eine deutliche Unterstützung für Glaubwürdigkeit!
Die zweite Halbzeit der MGV zeigte sich also ruhiger und substanzieller als das hektische kick-and-rush der ersten Halbzeit am 30.09..
Dies lag auch an der umsichtigen Leitung des Neutralen, der mehrfach darauf verwies, dass er keine weiteren Kahn-Grätschen oder Öttinger-Küsse dulde. Manch Neuverpflichtung und Vertragsverlängerung kann sich übrigens an der souveränen Verballakrobatik des Schiris ein Scheibchen abschneiden. Nach einer ohne Sehhilfe knapp vertändelten Spielstandanzeige bewies er feines Stehvermögen und zeigte bei der Verkündung des präsidialen Tabellen-Endstands eine perfekte, wenn auch kokette Annahme von Querschlägern aus dem Mittelfeld der Halle:
„Brille, Welli, Brille! – Ach ja, Brille, das Alter“.
In dieser Hinsicht sollte der Schiedsrichter jedenfalls nicht dauerhaft der Versierteste auf dem Platz bleiben.
Nicht zuletzt zeigte sich das Stadioncatering ebenfalls von seiner besten Seite und verzichtete auf das Kassieren aller nicht gebrachten Getränke.
Das Spiel im Wildpark:
Die endgültige Auswechslung der angeschlagenen Dreierkette in der Halle brachte so viel frischen Wind mit sich, dass er noch bis Sonntag, 14:12 Uhr, im Stadion in die richtige Richtung blies. In souveräner Manier dengelte die sportliche Abteilung des KSC eine metallene Vereinigung derart in die passende Form, wie sie seit ihrem Aufstieg in die Edelstahlklasse noch nie innerhalb von nur 32 Minuten verbogen wurde. Doch bereits die letzte Aktion der ersten Hälfte ließ erahnen, dass Eise(r)n ziemlich flexibel ist und zurückschnellen kann, wenn man zu sehr draufhaut.
Wer also auf Langeweile gehofft hatte, sah sich getäuscht und ging mit der Erkenntnis nach Hause, dass man noch kein Amboss aus einem Guss ist, wenn man im ersten Arbeitsgang ein bisschen Blech kalt deformieren kann. Man sollte es dann in der zweiten Halbzeit schon noch ein wenig einspannen.
Doch auch in dieser zweiten Hälfte setzen sich Erfahrung und Zählbares mit Glück und Verstand durch.
Wie sich zwei Halbzeiten unterscheiden, wissen die treuen Anhänger des besten Clubs der Welt also spätestens seit diesem Wochenende.
Die Basis beider Erfolge dieses Wochendes wurde in den ersten Halbzeiten gelegt, in den Tabellen ging es bereits einen Platz nach oben und es bleibt eine Menge zu tun, bis das obere Drittel erreicht ist.
Ob Auf- oder Abstiegszone, Durchstarten ist jedenfalls erlaubt.
Wer bremst, verliert.
Wer nur für die Galerie spielen oder Gesichtskosmetik betreiben will, wird abgemayert werden.
WIR haben die Wahl! Spätestens im nächsten Jahr wieder…
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