“Abschied”

von Lars Zuckschwerdt

Es ist Dienstag. Bundesliga – Spieltag. Die peinlichste Niederlage der Saison gerade verdaut, kommt das nächste Spiel meines Vereins. Ich bin KSC Fan. Warum nur? Die Gewissheit nach dem 0:4 der Abstieg ist nahezu perfekt lässt eigentlich keine Hoffnung mehr zu und doch erwische ich mich dabei, wie ich mich auf das Spiel freue. Keimt da etwa doch noch etwas Hoffnung auf? Können wir die Klasse vielleicht doch noch halten? Nein, die Vernunft sagt das ist nicht mehr zu schaffen, doch das blau-weiße Herz schreit „Wir schaffen das!“. Egal, Vernunft, Herz, heute Abend wissen wir mehr. Der ganze Tag ist geprägt von Gedanken an das Spiel. Um 17 Uhr geht es los Richtung Wildpark. Schnell die Banner aus dem Kofferraum geholt und rein in meine zweite Heimat, den Wildpark. Das Wetter hat etwas von Untergangsstimmung. Egal, das blau-weiße Herz schreit immer noch „Wir schaffen das!“. Die Stimmung vor dem Spiel bedrückt. Überall Gesichter voller Zweifel aber auch voller Hoffnung. Ist diese Hoffnung lächerlich? Nein, nicht lächerlich aber doch unwahrscheinlich. 19:30 Uhr. Den ersten Banner geschnappt und ab in den A4. Heute zählt es. Heute geht es um alles, um dein Leben. Gib alles. Schrei dir die Seele aus dem Leib. Hilf deiner Elf! 19:55 Uhr das Badnerlied voller Inbrunst gesungen! Stimmung in den Blöcken ist gut, wir schaffen das! 19:58 Uhr das Banner wird ausgerollt. „Seid ihr Stolz auf eure Leistung?“ Wir haben es mit unserer Frage sogar auf Premiere geschafft. Kann man darauf Stolz sein? Nein! Egal, es geht um alles heute Abend! 20:00 Uhr Anpfiff, Banner weg und los geht’s. Die Stimmung brachial. Immer mehr Hoffnung keimt auf, dass der eiserne Wille von der Tribüne auch auf den Rasen überspringt. 20:11 Uhr TOR! Ist das Wirklichkeit? Träume ich? Hat meine Elf gerade ein Tor gegen den Abstieg geschossen? Ich kann es nicht fassen, das Bier spritzt, es ist Wirklichkeit! Ich juble, schrei mir die Seele aus dem Leib, der A4 kocht. Die Stimmung auf dem absoluten Höhepunkt, alle schreien mit, alle geben ihr letztes. Die Elf kämpft, die Fans tun das, wofür sie da sind. 20:32 Uhr TOR! Ich werd verrückt. Führt meine Elf wirklich 2:0? Ich kann es nicht fassen. Das Bier meines Nachbars zeigt mir, ES IST WAHR!! Ich drehe durch, der Matsch spritzt in alle Richtungen. Egal! Der Wildpark kocht! Die Fans drehen durch! Stimmung und Emotionen pur! Wahnsinn! Wir können es noch schaffen! Haben am Ende vielleicht doch die Schönredner recht behalten? Abwarten. 20:42 Uhr zurück in die Realität. Hannover schießt und trifft. Egal, wir führen noch mit einem Tor. Auf Jungs gebt alles! Wir auf der Tribüne, Ihr auf dem Rasen, gemeinsam für den Klassenerhalt! 20:45 Uhr. Aus der Traum. Hannover gleicht aus. Die Angst keimt wieder auf. Ist es doch vorbei mit der ersten Liga? Ingolstadt und Pauli wir kommen? Halbzeit. Runter, Bier holen auf den Schreck. 20:55 Uhr. Rauf in den Block, das zweite Banner dabei. Hoffentlich brauch ich es nicht, hoffentlich kann ich es ungezeigt wegwerfen. Die Stimmung schwächt ab. Jeder auf den Rängen hat Angst. In den Augen der um mich stehenden steht die blanke Angst! 21:00 Uhr Anpfiff der 2. Halbzeit. Auf Jungs gebt alles! Wir wollen euch kämpfen sehen! Die Fans pushen sich noch mal. Versuchen noch mal alles, wie schon so oft in dieser Saison. Ich gebe auf. Ich habe keine Hoffnung mehr. Das Banner wird ausgerollt. „Die Nummer 4 im Land sind wir! Danke Ede!!“ Sollte ich am Ende wirklich Recht behalten? Hoffentlich nicht. 21:19 Uhr Vorbei. Hannover führt. Ich weiß, meine Elf packt das nicht mehr. Sie sind am Ende. Geknickt. Gebrochen. Becker schüttelt den Kopf. Ich habe recht gehabt. Mir kommen die Tränen in die Augen. Mein Traum ist geplatzt. Die Fans schockiert, keine Gesänge mehr. Ist es schon Gewissheit? Schafft meine Elf es noch mal? Tor. Nein, Abseits gepfiffen. Ich werde wahnsinnig. Ich kann nicht mehr. Meine Nerven sind am Ende, die Augen voll mit Tränen. Ist der Traum aus? Karlsruhe, „Wir sind da, Jedes Spiel, ist doch klar, 2. Liga tut so weh, scheissegal, KSC!“ Unter Tränen singe ich aus ganzem Herzen. Ich schreie es, ich bin dem Zusammenbruch nahe. 21:40 Uhr. Die Fans verabschieden sich! Neben mir wird es rot, der Rauch steigt in den traurigen Himmel. Die Gegengerade hüllt sich in roten Nebel. „Solange die Sterne noch stehn, Solange der Traum nicht vergeht, So lang das Feuer in uns brennt und Blau-Weiß jeder kennt, Ja solange, für immer KSC!“ Ich weine. Die Tränen laufen das Gesicht runter. Abstieg. Aus der Traum vom 1. Liga Fußball in Karlsruhe. Die Fans haben sich angemessen vom Oberhaus verabschiedet. Überall schockierte Gesichter. Tränen, schluchzen, die Gewissheit, in die Niederungen zu rutschen. 21:48 Uhr Abpfiff. Auf den Tribünen Pfiffe. Warum? Wozu? Es ist aus!! Die letzten haben kapiert, dass wir absteigen! Ich knie nieder. Matsch. Mir egal. Mein Traum ist aus, mein Blau-Weißes Herz gebrochen! Ich sitze noch lange da. Schaue auf den Rasen. Trauere. Bin am Ende. Vereinzelt singen schockierte Fans „Hey das geht ab, Wir fahren nach Ingolstadt und Pauli.“. Wie recht sie doch haben.
Ein Tag danach. Überall werde ich angesprochen, Mut wird mir zugesprochen. Ich glaube nicht daran. Nein! Wir sind abgestiegen! Der Traum ist aus. Meine Trauer unendlich. Tschüss Oberhaus, Tschüss 1. Liga Fußball. Neuanfang. September geht ein neuer Traum los. Ich werde wieder da sein. Werde wieder singen, feiern, trauern und meckern. 34 Spieltage lang. Aber jetzt heißt es erstmal Wunden lecken und ein dickes Fell haben.

Wir schreiben den 31. Juli 2009. Die Tatsache, abgestiegen zu sein, habe ich weitestgehend verdaut. Was ich nicht verdaut habe und auch nie verdauen werde, ist, dass dieser Abstieg der unnötigste in der Geschichte meines Karlsruher SCs war. Die mangelhafte Transferpolitik unseres Managers, die Unfähigkeit in Bereichen Ticketing, Marketing und Stadion und die Sturheit unseres Trainers haben dazu geführt, dass wir trotz eines Sieges gegen Herta BSC Berlin abgestiegen sind. Dieser Abstieg und die daraus resultierende Mittellosigkeit haben wir allein dem Management und dem Vorstand zu verdanken. Lange Wochen habe ich mich zurück gehalten, doch nach den Vorkommnissen der letzten Monate muss auch ich mich auf die Seite der Kritiker schlagen. Hiermit fordere auch ich den Manager Rolf Dohmen auf, den Lizenzkadertrainer Edmund Becker freizustellen. Des Weiteren fordere ich den Vorstand des Karlsruher SC auf, Manager Rolf Dohmen vorzeitig zu beurlauben und darauf hin den eigenen Rücktritt bekannt zu geben! Für einen Neuanfang, Für einen erfolgreichen Karlsruher SC in Deutschlands Fußball-Oberhaus!! Macht den Weg frei für einen Neuanfang, viel zu lange habt ihr unbeobachtet euer Ding drehen können! Jetzt ist Schluss! Ich unterstütze ‚Gegen – Gerade – Jetzt’ aus Überzeugung und Liebe zu meinem Verein und bin gegen das sich aktuell im Amt befindliche Präsidium!

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